Das frührömische Schlachtfeld von Kalkriese wird oft mit der berühmten Niederlage des römischen Feldherrn Varus gegen den germanischen Heerführer Arminius 9 n. Chr. gleichgesetzt. Doch lassen die archäologischen Quellen eine solche Schlussfolgerung zu? Der Fundplatz Kalkriese bietet mittlerweile einer Vielzahl kaiserzeitlicher Artefakte, darunter immer wieder römische Militaria von spektakulärer Erhaltung. Erstmalig wurde das gesamte Spektrum der Kleinfunde nach Datierung, Funktion und räumlicher Verteilung analysiert und zusätzlich unveröffentlichte Stücke in einem detaillierten Katalog vorgestellt. Erst in dieser lange ersehnten Gesamtschau gelingt es, sich auf einer soliden quellenkritischen Basis den seit Jahrzehnten diskutierten Fragen nach der chronologischen Einordnung des Fundplatzes, den gegnerischen Parteien und den antiken Handlungen anzunähern.
Kalkriese – ein Schlachtfeld, das Europa veränderte. Ein Fundort, der noch immer Fragen aufwirft. Eine Forschungsarbeit, die neue Antworten gibt.
Seit Jahrzehnten fasziniert der frührömische Fundort Kalkriese im Osnabrücker Land die Wissenschaft wie kaum ein anderer Ort. Gilt er vielen als Schauplatz der legendären Varusschlacht 9 n. Chr., bei der germanische Stämme erfolgreich gegen die römische Armee kämpften. Doch ein näherer Blick offenbart ein sehr komplexes Geflecht aus archäologischen und historischen Quellen, was eine eindeutige Beurteilung des Platzes bisher nicht ermöglichte. Was geschah wirklich im frühen 1. Jahrhundert nach Christus in dieser Landschaft? Welche römischen Truppen kämpften hier – und gegen wen? Und wie zuverlässig ist das, was wir zu wissen glauben?
Die richtungsweisende Studie von Uta Schröder, entstanden als Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität München, liefert erstmals eine umfassende, kritische Gesamtschau von rund 5.400 kaiserzeitlichen Kleinfunden – darunter über 1.100 bislang völlig unpublizierte Objekte. Die Arbeit schließt damit die Lücke eines jahrelangen Forschungsdesiderates. In akribischer Detailarbeit untersucht die Archäologin Datierung, Funktion und Verteilung der Artefakte und eröffnet damit einen neuen, bislang fehlenden Zugang zur Chronologie und zum Charakter des Fundplatzes.
Die Analyse führt zu einem zentralen Ergebnis: Zweifelsfrei lässt sich eine Schlacht mit Beteiligung römischer Infanterie und Kavallerie für die spätaugusteisch-tiberische Zeit nachweisen. Gleichzeitig wird deutlich, wie sehr landwirtschaftliche Eingriffe, die Auswahl von Grabungsarealen und ungleichmäßige Prospektionen die bisherige Interpretation des Fundplatzes verzerrt haben. Viele vermeintliche Gewissheiten geraten ins Wanken – vom „Kalkriese-Horizont“ bis zur Frage nach dem tatsächlichen Schlachtgeschehen.
Dieses Werk zeigt Kalkriese als einen der bedeutendsten, aber zugleich anspruchsvollsten archäologischen Fundorte der römischen Kaiserzeit in Europa. Es legt offen, wo die Forschung steht, welche Fehlschlüsse korrigiert werden müssen und welches enorme Potenzial zukünftige Untersuchungen bergen.
Ein Standardwerk für Archäologie, Alte Geschichte und alle, die verstehen wollen, wie Wissenschaft aus Funden Geschichte schreibt – und wie viel Geschichte im Boden noch unerzählt schlummert.
Uta Schröder, 1989 geboren
Werdegang:
2008-2013 Bachelorstudium Archäologie und Geschichte an der Universität zu Köln
2013-2016 Masterstudium Archäologie an der Universität zu Köln mit Schwerpunkt Archäologie der Römischen Provinzen
2017-2021 Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der LMU München
2017-2022 Promotionsstudium Archäologie der Römischen Provinzen an der LMU München
2023 Disputatio zur Doktorarbeit „Die römischen Kleinfunde der Kalkriese-Niewedder Senke“
seit 2022 Post-Doc an der Universität Bonn im Projekt „Limes und Legion. Die Wirkmächtigkeit römischer Militärpräsenz am Niedergermanischen Limes. Edition und Interpretation archäologischer Quellen.“
Forschungsinteressen:
Provinzialrömische Archäologie; Frühe römische Militärlager; Römische Militärgeschichte; Römische Militaria; Antike Kleinfunde; Zivile Besiedelung der Germania Inferior; Römische Wassermühlen